Positive Konzepte sind in jedem Fall lächerlich, schon weil sie positiv sind. Es gibt keinen denkbaren harmonischen Zustand des Menschseins. Jede auch nur annähernd umfassende Harmonie ist vormenschlich und vergangen. Sich mit Idealen auseinanderzusetzen bedeutet Regression. Für sie zu leben ist feige und blind - und führt historisch gesehen zu Verbrechen und Grauen.
Jeder Zweifel ist eine innigere, aufmerksamere, offenere Beziehung als die Idealisierung. Nur in der Skepsis bleiben wir stets empfindlich.
Ein Instinkt scheint uns daran zu hindern, gleichgültig zu denken. Ein in unserem Wesen verborgener Sinn für das Gleichgewicht, ein tief in uns begrabenes Naturgesetz des Ausgleichs: Für die Verletzungen, die mir der Denkprozess zufügt, erwarte ich eine Entschädigung, ich erhebe umgehend den Anspruch auf Kompensation, auf Versöhnung. Die Investition in seelischen Schmerz soll sich auszahlen. Weil mich das Denken beschädigt, weil ich ihm nicht entgehen kann, muss es auch einen Sinn haben...